December 13, 2018

Charlaine Harris, Tod in Shakespeare (Shakespeare’s Landlord. Kriminalroman), Rotbuch Verlag, Hamburg (2004)


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„Einer eher ungewöhnlichen Profession geht Charlaine Harris‘ Heldin Lily Bard nach. Im verschlafenen Shakespeare, einem Kaff in der amerikanischen Provinz, verdient sich Lily ihr Geld als Putzfrau. Nebenbei wird dem Karatetraining gefrönt. Lily ist Einzelgängerin und will ihre Vergangenheit um jeden Preis unter Verschluss halten. Als ihr Vermieter ermordet wird und sie die Leiche findet, muss Lily wohl oder übel ihr Schneckenhaus verlassen. Tod in Shakespeare punktet mit einer ungewöhnlichen Protagonistin und hat auch krimitechnisch einiges zu bieten.“


“Steig ein oder du wirst erschossen.”
Ich hätte von der Abfahrtsstraße seitlich herunter- und vor ein unter mir entlangrasendes Auto springen können oder ich hätte ihm sagen können, dass er schießen solle, oder ich konnte einsteigen. Ich traf die falsche Entscheidung. Ich stieg ein.” 

Ein Fall für Lily Bard: Lily ist 31 Jahre alt, wohnt im kleinen, scheinbar harmlosen Ort Shakespeare in Amerikas verschlafenem Süden und verdient ihr Geld mit Putzen. Ihr Hobby ist Karate. Sie ist Einzelgängerin und achtet streng auf ihre Unabhängigkeit. Denn sie hat große Angst davor, dass irgend jemand die Geheimnisse in ihrer Vergangenheit entdeckt.
Als die junge Frau eines Nachts beim Joggen im Park eine Leiche entdeckt, meldet sie den Fund daher anonym der Polizei. Da sie jedoch nicht nur das Opfer kennt – es handelt sich um den wenig beliebten Eigentümer des benachbarten Apartmenthauses – sondern auch für die meisten seiner Mieter (und dadurch Tatverdächtigen) arbeitet, steckt Lily bald bis über beide Ohren in einem Fall, der sie bald selbst in große Gefahr bringt …

Anke Caroline Burger, die Übersetzerin, wurde 2003 mit dem Wieland-Übersetzerpreis ausgezeichnet.


Rezension:
Blutige Kratzer im Gesicht, blaue Flecken auf dem ganzen Körper, gezerrte Muskeln, heftige Prellungen, diverse ausgeschlagene Zähne, eine gebrochene Nase und eine Schusswunde im Bein – das ist die Bilanz der Blessuren aller Beteiligten bei zwei tätlichen Angriffen auf die Protagonistin innerhalb weniger Tage.
Ein mehr als eindeutiges Zeichen dafür, dass es auch in einem beschaulichen Örtchen wie Shakespeare (Arkansas) nicht wirklich ratsam ist, zu viel Interesse an den Angelegenheiten anderer Leute zu zeigen …
Dabei hat Lily Bard nach den traumatischen Erlebnissen der Vergangenheit, die zahlreiche Narben auf ihrem Körper und in ihrer Seele zurückgelassen haben, eigentlich gar nicht vor, sich in das Leben ihrer Mitbürger einzumischen. Was sie deutlich von der Riege der „Hausfrau/Putzfrau/Ladenbesitzerin-wird-Amateurdetektivin-aus-unstillbarer-Neugierde“ –Heldinnen vieler „Landhauskrimi“-Serien unterscheidet. Denn die kurzhaarige, durchtrainierte Blondine, deren einzige Freizeitbeschäftigung in regelmäßigen Bodybuilding- und Karate-Stunden besteht, will eigentlich nur ihre Ruhe haben. Da sie jedoch in ihrer Eigenschaft als Putzfrau vieles sieht und so manches hört, was Aufschluss über die oftmals nicht ganz koscheren Aktivitäten ihrer Klienten gibt, wird die unerschrockene Single-Frau fast gegen ihren Willen in die Ermittlungen rund um den Tod des unsympathischen Hausbesitzers hineingezogen.
Autorin Harris ist es gelungen, eine temporeiche und durchaus humorige Geschichte zu erzählen, ohne ihre Figuren betulich wirken zu lassen. Dabei verzichtet sie dennoch nicht auf atmosphärische Dichte: Etwa, wenn sie die Entführung und Vergewaltigung schildert, Lilys schreckliches Schlüsselerlebnis. Detailgetreu, packend und doch streckenweise fast emotionslos erzählt die Fünfzigjährige auf wenigen Seiten einen Vorfall, der hier nicht das zentrale Element der Handlung bildet, sondern nur die Erklärung für Wesen und Verhalten der Heldin. Nicht zum ersten Mal beschäftigt sich Charlaine Harris mit dem Thema der Gewalt gegen Frauen – und leider auch nicht grundlos, war sie doch selbst Opfer eines solchen Verbrechens.
Doch gerade weil die dreifache Mutter aus eigener Erfahrung weiß, wie man sich als „Überlebende“ fühlt, liegt eine Authentizität in der Figur der Lily Bard, die man bei vielen Krimihelden vergeblich sucht. Ein Schritt vor und zwei zurück. Nur nicht zu viel von sich preisgeben oder sich in anderer Leute Leben hineinziehen lassen. Diese Heldin ist schwach und stark zugleich. Sie ist angreifbar durch das, was ihr zugestoßen ist, gleichzeitig verleiht ihr diese Erfahrung aber auch so viel Aggressivität, Wut und Entschlossenheit, dass sie Herausforderungen und Gefahren jeder Art eine gewaltige Kraft entgegenzusetzen hat. Nicht jede Aktion ist dabei „politisch korrekt“ … und genau das spricht vor allem das weibliche Lesepublikum an.
Die zarte Liebesaffäre mit einem und die aufkommende Freundschaft mit einem anderen der sorgfältig ausgearbeiteten Nebenfiguren tun ein Übriges, um auf die Fortsetzung der Stories aus Shakespeare neugierig zu machen. Ganz zu schweigen von der Fülle der bisher nur angerissenen „Geschichten hinter der Geschichte“, die der Leser hinter den unterschiedlichen Kleinstadt-Charakteren erahnen kann. Als da sind der aalglatte Pfarrer, die neue Ärztin, der plötzlich so interessierte Nachbar und natürlich nicht zu vergessen, der attraktive Karatelehrer und der kantige, aber gütige Polizeichef …
Durch die im Text sorgfältig platzierten Hinweise dürften auch Freunde des traditionellen Whodunnit auf ihre Kosten kommen – als „Entschädigung“ für die bereits eingangs erwähnten actionreichen Faustkampfeinlagen.
Fazit: Für jeden ist etwas dabei – und gut zu wissen, dass es bereits vier weitere Bände der Serie gibt.
Miss Sophie

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