October 22, 2017

Jon McGregor, Als Letztes die Hunde. (Even the Dogs. Roman), Berlin Verlag, Berlin (2011)

McGregor-Hunde

Heroinsucht in Nordengland.


14.06.2012 IMPAC Literary Award 2012

Jon McGregor ausgezeichnet

Der englische Autor Jon McGregor hat gestern Abend in Dublin den mit 100.000 Euro dotierten International IMPAC Literary Award für seinen Roman “Even the dogs” entgegengenommen.


INTERNATIONAL IMPAC DUBLIN LITERARY AWARD 2012

Even the Dogs by Jon McGregor is the winner of the 2012 International IMPAC DUBLIN Literary Award. The Award is organized by Dublin City Libraries, on behalf of Dublin City Council and sponsored by IMPAC, an international management productivity company. The €100,000 prize is the largest prize for a single novel published in English. Uniquely, the IMPAC DUBLIN receives its nominations from public libraries around the globe.

Jon McGregor is a British writer and the author of two other critically acclaimed novels.

Even the Dogs is an intimate exploration of life at the edges of society – littered with love, loss, despair, and a half-glimpse of redemption,” said the Lord Mayor and Patron of the Award, Andrew Montague, announcing the winner at a ceremony in Dublin’s Mansion House on 15th June. Mr McGregor, born in Bermuda and raised in England, received the trophy and a cheque for €100,000 at the presentation dinner following the announcement.

The winning novelbeat off competition from 146 other titles, nominated by 162 public libraries from 45 countries. Itwasfirst published in the UK by Bloomsbury. The shortlist of ten novels, as chosen by an international panel of expert judges included novels from the USA, Australia, Canada, Brazil and Israel. Jon McGregor is the third British author to win the prize. It was awarded to Andrew Miller in 1999 for Ingenious Painand to Nicola Barker in 2000 for Wide Open.

Even the Dogs is a worthy winner from a truly international shortlist”, says Margaret Hayes, Dublin City Librarian. “The International IMPAC Dublin Literary Award 2012 shortlist included authors from Australia (Jon Bauer), Brazil (Cristovao Tezza), the USA (Jennifer Egan, Karl Marlantes and Willy Vlautin), Canada (David Bergen), Israel (Yishai Sarid) and Britain (Tim Pears, Animatta Forna and Jon McGregor). All the shortlisted books as well as copies of the 147 novels nominated for the 2012 Award, are available to borrow from Dublin public libraries.”

The international judges said:

Even the Dogs is a fearless experiment which shows us in close-up detail the lives of a gathering of homeless addicts as they go about their daily forage for shelter, drink or a fix. In a masterpiece of narrative technique, the viewpoint shifts and morphs through the lives of a handful of derelicts who stumble and fall, stumble and fall as they seek to redeem themselves from addiction, homelessness and those impulses which too often rise up within them and defeat their best interests….

Even the Dogs was nominated by M.I. Rudomino State Library for Foreign Literature, Moscow, Russia.


Der Roman “Als Letztes die Hunde” ist radikal in Inhalt und Form. Denn die erbarmungslose Geschichte von Drogen- und Alkoholabhängigen, von alten und jungen Männern und Frauen, beginnt mit dem Tod Roberts und endet in der Pathologie und dann im Krematorium.

Jon McGregor findet Ausdrücke für die Gefühle und Zustände Suchtkranker, für ihre erlebten “kleinen Tode”, er charakterisiert ihre Leiden und beschreibt ihr Abwesenheitsgefühl von der Welt. Seine Typen sprechen Jargon, hart und hässlich und verzweifelt und reden über das “Zeug, über das man so nachdenkt”. Ein solches Leben, sagen sie, ist ein “Vollzeitjob”. Am Ende sind nicht mehr viele von ihnen am Leben, nur ihre Hunde trauern.

Ein erschütternder, rhythmisch durchkomponierter Roman und ein glänzend übersetztes Buch. Ernst, eindringlich und angemessen erbarmungslos.

Verena Auffermann, Deutschlandradio Kultur


Die kalte Hölle der Sucht

Schonungslos und doch human – Jon McGregors Roman «Als Letztes die Hunde»

Das Buch ist harte Kost, es erspart dem Leser nichts: nicht die Angst vor den reißenden Entzugsschmerzen, welche die Süchtigen unter Inkaufnahme aller anderen Entbehrungen und Demütigungen von einem Schuss zum nächsten jagt; nicht den Blick auf die verwahrlosten Leiber und ihre stumpf gewordenen Begehrlichkeiten, auf die versifften Nester, wo sie für Momente Ruhe finden; nicht den Aufenthalt im Obduktionssaal, wo Roberts vom Alkoholmissbrauch zerfressener, vom Junkfood verfetteter, von Vernachlässigung und zahllosen Stürzen gezeichneter Leichnam ausgeschlachtet wird. Das ist schwer auszuhalten – aber in der von McGregor gefundenen Form nicht unerträglich. Denn zum einen beherrscht der Schriftsteller die Materie in verblüffendem Maß, was sich auch den Erfahrungen seiner Ehefrau im Sozialdienst für Obdachlose und Randständige verdanken mag. Zum anderen hat er eine Diktion gefunden, knapp, hart, doch gleichzeitig sprunghaft und an den Rändern zerfasernd, die als überzeugendes Medium für sein Thema funktioniert. In der Originalfassung sind noch regionale Färbungen in die Sprache einzelner Figuren eingebracht; diese Nuance fällt bei Anke Caroline Burgers Übertragung zwangsläufig weg, doch sonst schenkt sich die Übersetzerin nichts. Sie trifft den toughen, kalt verzweifelten Ton, in dem sich das Saloppe oder Ordinäre nie wirklich breitmachen kann.

An dieser Sprache läuft auch der weichgespülte Jargon ab, mit dem die Süchtigen von Sozialarbeitern oder Betreuern eingedeckt werden. Das Wühlen in der Vergangenheit vor versammelter Therapiegruppe, das Kooperieren bei Befragungen, das Klinkenputzen bei «Sozialamt, Wohnungsamt, Arztpraxis, Bewährungshelfer» – das ist für die meisten nicht mehr Kampf um ein besseres Leben, sondern eine Routineübung, um im besten Fall ein Rezept für Methadon zu ergattern; bringt das Gespräch nichts, hat man doch zumindest ein Weilchen im Warmen und Trockenen gesessen. Ungleich mehr Stellenwert hat ein Besuch bei der Coiffeuse, die im Obdachlosenheim dann und wann ihre Dienste anbietet: Da wird man wenigstens einmal von sauberen, taktvollen Händen angefasst.

McGregors Roman trifft und fasst seltsamerweise sein Thema nachhaltiger als der ebenfalls unlängst auf Deutsch erschienene Erfahrungsbericht des Literaturagenten Nick Clegg, der in «Portrait eines Süchtigen als junger Mann» seinen Abstieg in die Crack-Sucht schildert; mit allzu routinierter sprachlicher Gestik allerdings, ohne McGregors Fähigkeit zur Verdichtung, ohne dessen stimmige Mixtur aus fahrig-gehetzten sprachlichen Riffs und plötzlicher Fokussierung – aufs «dumpfe, metallische Klatschen» der Hiebe etwa, wenn sich zwei Betrunkene keilen, oder die «kalte Tasse Tee, auf der der Schimmel schon Blasen wirft», im Zimmer einer Süchtigen, die sich den goldenen Schuss verpasst hat.

Angela Schader, Neue Zürcher Zeitung, 4. Oktober 2011
http://www.nzz.ch/magazin/buchrezensionen/die_kalte_hoelle_der_sucht_1.12806763.html