August 25, 2019

Mike Stocks, Weißer Mann fällt (White Man Falling, Roman), Diaphanes Verlag, Zürich/Berlin (2010)

WeisserMannfaellt

 

 

 

 

 

 

Spirituelle Komödie in Südindien: Dorfpolizist wird Guru wider Willen.


„Der grausliche Anblick von Anands Bruder Mohan ruiniert leider trotz des freudigen Anlasses die Stimmung. Mohan strahlt den geballten Lebensfreude-Quotienten eines Depressionskranken aus, der ein blökendes Zicklein durch einen Stall voll verhungerter Tiger führen muss, und der normalerweise stets umgängliche Mr. P, dessen Wutausbrüche meist nur aus einem kurzen Verzweiflungsanfall bestehen, bevor er wieder die Leutseligkeit in Person ist, hat die Nase voll. ‘Wir brauchen eine Lösung, und zwar sofort!’, ruft er aus. ‘Die machen sich über uns lustig!’, brüllt er.“


 Zufall gibt’s nicht: Erlösung auf indisch

Früher war es Hippie-Land, heute ist Indien der Teil der Zukunft, der nicht russisch oder chinesisch ist – weder Kleptokratie noch Knüppelkapitalismus, sondern reines Chaos. Für Indien sprechen sein fröhlicher Postkolonialismus, seine offenbar unauslöschliche Spiritualität und “Slumdog Millionär”; für Indien spricht auch Mike Stocks, der zwar eigentlich Schotte ist, aber offenbar sein Herz an Mullaipuram verlor.

Zugegeben: Mullaipuram, das Dorf, gibt es nicht; den tiefen indischen Süden jedoch, in dem Mullaipuram liegt, den gibt es. Mike Stocks lesend, stellt man ihn sich als eines der letzten echten Wimmelbilder vor, für einen letzten Augenblick noch nicht von Google verpixelt.

Hier nimmt Stocks’ fröhlich postkoloniale, unauslöschlich spirituelle Komödie ihren Anfang: In einem einst für die verheirateten Unteroffiziere Ihrer Majestät errichteten Dreizimmerbungalow, dem Heim von Polizeiunterwachtmeister (a. D.) R. M. Swaminathan, seiner Frau und seinen fünf noch zu verheiratenden Töchtern. Hier sieht man Swaminathan auf seinem Leidensweg: Ohnehin von einem Schlaganfall aller patriarchalen Ambitionen beraubt, fällt Swami ein blendend weißer Alt-Hippie vor die Füße und macht den Unterwachtmeister a. D. zum Gespött der Leute – anders nämlich als Herman Melville meint, scheint das Weiße nicht schrecklich, sondern komisch. Den tückischen Zufall jedoch, den Mike Stocks Kapitel für Kapitel bemüht, lässt die Gesellschaft von Mullaipuram auf Dauer nicht gelten – tatsächlich lehnt sich das Romanpersonal, so scheint’s, im Lauf des Romans gegen den Romancier auf, und verwandelt den schottischen Slapstick in eine südindische Erlösergeschichte. Swami, seiner Würde, Sprache und vorübergehend gar seines Lebens beraubt, wird Guru. Weißer Mann fällt; brauner steht auf.

Wieland Freund, Die Welt online, 24. 12. 2010

http://www.welt.de


„Dumme Gedanken hat jeder, nur der Weise verschweigt sie.“ Wilhelm Busch wusste genau, wie klug man wirkt, wenn man einfach nur im richtigen Moment die Klappe hält. Spricht man hingegen monatelang gar nicht mehr, gilt man entweder als bekloppt oder als Heiliger, der mit sich, Gott und der Welt im Reinen ist. Zwischen Blödigkeit und Erhabenheit liegt für die, die einem nicht in den Kopf schauen können, nur ein schmaler Grat. Dank Mike Stocks erfahren wir allerdings ganz genau, was sich im Oberstübchen des ehemaligen Polizeiunterwachtmeisters R. M. Swaminathan, genannt Swami, abspielt – es ist nicht allzu aufregend. Die Hauptigur von Stocks’ Debütroman „Weißer Mann fällt“, angesiedelt in einem fiktiven südindischen Dorf, hat es alles andere als leicht im Leben. Er ist der Vater von sechs pfiffigen Töchtern, die unter die Haube zu bringen eine kostspielige Angelegenheit ist. Als Patriarch ist er eine Null, zerquetscht unter dem Pantoffel seiner geschwätzigen, etwas klischeehaft überzeichneten Gattin.

Seit einem Schlaganfall leidet er zudem unter Sprachschwierigkeiten, zu sagen hat er daheim ohnehin nicht viel. Selbst die letzte Möglichkeit, sich seiner Verantwortung als Familienoberhaupt zu entziehen, bleibt ihm verwehrt; seine grotesken Selbstmordversuche schlagen allesamt fehl. Als ihm dann jedoch aus heiterem Himmel ein weißer Mann vor die Füße fällt und stirbt, nimmt sein Schicksal eine überraschende Wendung.

Mike Stocks, der 1965 geborene britische Autor, spielt seinem Protagonisten übel mit und meint es doch gut mit ihm. Er lässt ihn beinahe zum Opfer eines Mordanschlages werden, verwickelt ihn in eine kriminalistische Intrige früherer Kollegen und nimmt ihm nach einer Nahtoderfahrung nahezu komplett die Sprache. Swamis beredtes Schweigen führt indes dazu, dass er von der Außenwelt alsbald als Guru wahrgenommen wird, auf den sich allerlei Hoffnungen und Wünsche projizieren lassen.

Alexander Müller, FAZ, 10.03. 2010