December 13, 2018

Norman Green, Total Illegal (Way Past Legal. Roman), zebu Verlag, Frankfurt (2004)

Total illegal


Gemächlicher Thriller
Norman Green hat mit “Total illegal” einen packenden Thriller vorgelegt – intelligent, komplex und in aller Ruhe erzählt. “Zwei Möwen flogen über uns; die eine jagte die andere. Die Verfolgerin war eine Mantelmöwe. Man muss sich an kleinste Unterschiede halten. Entweder schwarz oder weiß an den Flügelspitzen, blasse Tupfen auf den Schwungfedern, wenn man sie von unten betrachtet, kleine schwarze Streifen auf dem Schwanz, vielleicht ein schwarzer Ring auf dem Schnabel oder ein roter Punkt, und das alles, während das Viech um sein Leben kämpft, kreist und Sturzflüge veranstaltet, um einem größeren Verfolger auszuweichen. Die Schwarzen töten und fressen manchmal andere Möwen, ergreifen sie mitten in der Luft und schütteln sie so lange, bis sie ihnen das Genick gebrochen haben.”

Norman Green hat die Ruhe weg. Er nimmt sich Zeit, schaut genau hin und entwirft dabei immer wieder detailliert gezeichnete Bilder, welche die Handlung erstaunlich komprimieren. Sein Ich-Erzähler Mo ist ein Dieb und Hobbyornithologe. Er ist als Straßenkind in New York aufgewachsen und hat früh gelernt, sich durchzuschlagen. Spezialisiert ist er auf Einbrüche und kleinere Überfälle, dabei aber stets darauf bedacht, den Ball flach zu halten. Dann allerdings fällt ein Überfall größer aus als geplant und Mo hat zusammen mit seinem unberechenbaren Kumpel Rosey plötzlich einige Millionen Dollar an der Backe. “Wir hatten die kritische Masse erreicht. Das ist, wenn man zu viel spaltbares Material auf einer Stelle hat, nicht wahr?”. Rosey ermordet drei Helfer und bevor er nun auch Mo um seinen Anteil bringt, schnappt der sich lieber die ganze Beute. Er flieht aus New York und nimmt seinen kleinen Sohn Nick mit, den er aus seiner Pflegefamilie entführt. Die beiden fahren ins nördliche Maine, eine raue, dünn besiedelte Landschaft nahe der kanadischen Grenze. Mo bekommt durch seinen Sohn Nick schnell Kontakt zur schrulligen Bevölkerung eines kleinen Städtchens, wo er sich sogar mit dem Polizeichef ein wenig anfreundet. Er ist fast schon versucht, Wurzeln zu schlagen. Das allerdings gestaltet sich schwierig, da ihm nicht nur die Polizei, sondern auch zwei russische Killer und schließlich sein ehemaliger Kumpel Rosey auf den Fersen sind, die alle gerne das erbeutete Geld zurück hätten.

Green schreibt enorm spannend und schafft dies, ohne dafür besonders tief in die Actionkiste greifen zu müssen – wenngleich er auch das beherrscht. Nach einem turbulenten Einstieg kann er erst mal Tempo rausnehmen, ohne Wucht zu verlieren. Seine Figuren sind komplex, die Geschichte ist intelligent erzählt und wartet immer wieder mit Überraschungen auf. Schwarz-Weiß gibt es bei ihm nicht. Alles ist komplizierter, zumal sich der Erzähler im Laufe des Romans zu einem ganz umgänglichen Zeitgenossen entwickelt. Ein packendes Buch und ein Autor, von dem es hoffentlich bald mehr zu lesen gibt, schließlich ist “Total illegal” bereits sein dritter Thriller.
Frank Rumpel, Titel-Magazin

http://www.titel-forum.de/


Zwei Millionen Dollar für ein Kind

… Eine herzergreifende Gegengeschichte zu Cobens technisch-kalt gelungener Spannungsschrauberei ist Norman Greens Roman Total illegal. Eigentlich muss der Dieb Manny »Mo« Williams nur das Geld in Sicherheit schaffen, das er mit seinem paranoiden Kumpel Rosey russischen Mafiosi abgenommen hat. Schon auf dem Absprung nach Norden, beschließt er, noch seinen kleinen Sohn aus der Pflegefamilie zu befreien, in die ihn die staatliche Fürsorge eingewiesen hat. Gejagt von Polizei, Rosey und Russen flüchten Vater und Sohn aus dem vertrauten Dschungel New Yorks in die unvertraute Wildnis Maines, wo sie bei liebenswerten Hinterwäldlern Unterschlupf finden. Bei Coben wird die Intaktheit der amerikanischen Mittelstandsfamilie durch die Wiederbeschaffung des gestohlenen Gutes Kind wiederhergestellt; bei Green üben Vater und Sohn die Kunst der Freundschaft, sich auf Augenhöhe zu vertrauen. Auch dies ist eine durch und durch amerikanische Geschichte. Die beiden Stadtflüchtlinge lernen, mother nature zu lieben – und sie bei der Vernichtung ihrer Feinde einzusetzen: Im Showdown verschluckt ein gewaltiger Gezeitenstrudel in der Passamaquoddy Bay an der Grenze zu Kanada den letzten Bösewicht. Norman Green gilt es hierzulande erst zu entdecken. Mit sprachsensiblem Humor und skeptischem Optimismus ist er ein Seelenverwandter Walter Mosleys, der ebenfalls in seinen Kriminalromanen davon erzählt, wie man in einer bösartigen Welt ein gutes Leben führen kann.

Tobias Gohlis, Die Zeit, 27. Januar 2005

http://www.zeit.de/2005/05/KA-Krimi05?term=Norman


Krimi052005 könnte ein gutes Jahr werden. Gleich das erste Buch, das ich gelesen habe, ist sensationell gut: Total illegal von Norman Green (zebu crime). Die Hauptfigur ist ein kluger Einbrecher, der eines Tages versehentlich viel zu viel Geld erbeutet und sich damit erheblichen Ärger einhandelt. Mit seinem kleinen Sohn setzt er sich von New York City nach Neuengland ab und baut sich sozial sozusagen total um. Das Schönste an Greens Roman:
Er hat keine Masche, keine Formel, kein Rezept. Es erzählt in leichtem Plauderton (der technisch extrem schwierig zu erzielen ist, die Übersetzung von Anke Caroline Burger trifft ihn auf den Punkt) eine sehr komplizierte Geschichte über komplizierte Menschen in einer komplizierten Welt. Der extrem hohe Spannungsquotient kommt weniger aus Action und Thrill, sondern aus den intelligenten und überraschenden Beobachtungen und Schlußfolgerungen der Hauptfigur und aus der Interaktion eines ausgefeilt aufgebauten
Figurenensembles. Wie gesagt – sensationell gut! Und als amerikanischer Roman so ziemlich allem vorziehen, was wir hier gerne als »große amerikanische Romane« von den Herrschaften Kulturverwesern angepriesen bekommen.
Thomas Wörtche, Leichenberg 01/2005


KrimiWelt-Bestenliste April 2005: http://www.arte-tv.com/krimiwelt


Alles andere als legal : Total illegal

Das Leben in Jersey ist nicht leicht. Vor allem nicht, wenn man als Säugling in einem Rinnstein gefunden wird und bei Pflegeeltern aufwachsen muss. So erging es Mo alias Manny Williams, der in seiner Kindheit bereits das harte Leben in Jersey erleben musste, weil er sich keiner der Gangs anschließen wollte.
So erscheint es nicht verwunderlich, dass das meiste, was Manny in seinen 28 Lebensjahren getan hat, mehr als illegal war, wofür er bereits mehrfach im Gefängnis gelandet ist. Jedoch geht er in seiner Freizeit einem außergewöhnlichen Hobby nach, er beobachtet Vögel und katalogisiert die gesehenen Exemplare. Auch seinen fünfjährigen Sohn, zu dem er keine richtige Beziehung hat, darf er nur zweimal im Monat unter Aufsicht sehen.

Doch durch einen erneuten Coup ändert sich alles schlagartig. Zusammen mit seinem Partner Rosey und drei anderen Kerlen überfällt er eine Gruppe Russen, die in illegale Geschäfte verwickelt sind und erbeutet 2 Millionen Dollar. Das Geld wird vorsorglich in einem Hotelsafe versteckt, bis die Wogen sich wieder geglättet haben. Doch dann kommt Manny die Idee, dass sein Partner Rosey ihn höchstwahrscheinlich über den Tisch ziehen will und er beschließt, das gesamte Geld aus dem Hotelsafe zu stehlen und zunächst an einem geheimen Ort zu verwahren, bis er das Geld gewaschen hat. Doch nun sind nicht mehr nur die Russen hinter ihm her, sondern auch Rosey. Hals über Kopf flieht Manny und entführt dabei noch seinen kleinen Sohn. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg in den rauen Norden Amerikas. Erst auf dieser Reise erkennt Manny, dass er seinem Sohn kein gutes Vorbild ist, will sich aber noch nicht in der Vaterrolle zurechtfinden, da er sein Leben lang immer auf sich allein gestellt war.
Nach einer Autopanne nehmen sich die Averys, ein älteres Ehepaar, den beiden an und bieten ihnen einen Unterschlupf für die Nacht. Da die Reparatur länger dauert, als zunächst angenommen, bietet sich Manny die Gelegenheit, die Gegend genauer zu erkunden und mit einigen der wortkargen Bewohner Freundschaft zu schließen. Nach und nach fühlt er sich immer wohler in der Rolle des fürsorglichen Vaters und beschließt, sein Leben für seinen Sohn vollkommen zu ändern. Plötzlich taucht Rosey in dem verschlafenen Ort auf, begleitet von zwei Russen, die ihm nicht wohl gesonnen zu sein scheinen. Manny beschließt, Rosey aus den Klauen der Russen zu befreien und die Beute mit ihm zu teilen. Doch es kommt alles anders als geplant. Nur mit viel Glück und der Hilfe seiner neu gewonnenen Freunde gelingt es Manny, alles zum Guten zu wenden.
Norman Green erzählt die spannende und faszinierende Geschichte eines geläuterten Gangsters, der zum Wohl seines Sohnes einen neuen ehrlichen Lebensabschnitt beginnen will und zuvor noch mit seiner Vergangenheit aufräumen muss. Norman Greens Charaktere sind überzeugend gestaltet und der Roman besticht durch einen angenehm flüssigen und vor allem lockeren Schreibstil. Total Illegal ist ein spannender energiegeladener Thriller, den man so schnell nicht wieder aus der Hand legt.
Désirée Drothen, literature.de, 17. Februar 2005


Dies ist die Geschichte von einem Mann auf der Suche nach Normalität mit
kriminellen Mitteln. Erzählt von ihm selbst. Einem Mann, der weder mit
Selbstkritik noch mit Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen spart, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist: zu einem Gauner ohne Gewissen. Auf der
anderen Seite entdeckt er auch positive Seiten an sich und den Menschen, die
er auf seiner Flucht vor sich selbst kennen lernt. Er beginnt sich für andere zu
interessieren und für sie und sich Verantwortung zu übernehmen. Seine
moralische Katharsis wird durch einen schweren Raubüberfall und die
Entführung seines 5-jährigen Sohnes in Bewegung gesetzt.
VOM VERBRECHEN AN VERBRECHERN
Konkret: Ein Mann, Ende zwanzig, namens Mo(hammed) alias Manny Williams raubt mit einem Schwerverbrecher eine Bande russischer Börsenbetrüger aus. Knapp zwei Millionen Dollar springen dabei heraus. Der Lebensabend für beide scheint gesichert, wenn da nicht die rachsüchtigen Opfer ihres Coups und ihr gegenseitiges Misstrauen wären. Denn Mannys Partner will sich das Geld allein unter den Nagel reißen. Aber Manny kommt ihm zuvor und verschwindet
mit der millionenschweren Beute und seinem Sohn von New York aus in Richtung des Bundesstaates Maine. Einem Landstrich, wo Fuchs und Has’ sich gute Nacht sagen und das Leben in etwas rustikaleren, dafür aber menschlicheren Bahnen verläuft. Eine Autopanne zwingt Manny dazu, seine Flucht ohne Ziel hier erst einmal zu unterbrechen. Solange er auf die Reparatur seines Minivans wartet, nimmt ein älteres Ehepaar ihn und seinen Sohn bei sich auf. In nur wenigen Tagen schließen sie eine intensive Freundschaft, die ihm seine kriminelle Vergangenheit noch deutlicher als bisher bewusst macht, aber auch seinen Wunsch
nährt, sich von seinen schlechten Eigenschaften zu befreien und ein neues Leben zu beginnen. Diesem durchaus glaubwürdig geschilderten Läuterungsprozess stellen sich aber schon bald die Russen, sein Ex-Partner und ein besonders aggressiver Cop in den Weg. Um seiner und der Zukunft seines Sohnes Willen muss er sie abschütteln, nötigenfalls auch beseitigen. Der Kampf um den Neuanfang ist nun vollends entbrannt und entfaltet sich in rasanten Verfolgsjagden und riskanten Geldtransfers.

ACHTERBAHN DER GEFÜHLE
Das Buch bezieht seine Spannung aber nur zu einem geringen Teil aus diesen Actionelementen. Es ist vielmehr die Sorge des Lesers um die Zukunft seines Protagonisten und dessen Sohn, die eine fast unerträgliche Ungeduld bei der Lektüre erzeugt. Und nicht nur Väter, denen das Sorgerecht für ihre Kinder vorenthalten wurde, dürften sich hier in eine Achterbahn der Gefühle versetzt fühlen. Norman Green gelingt es in seinem dritten Buch, die Nerven seiner Leser deshalb so wirkungsvoll zu reizen, weil er die Stärken und Schwächen seiner Romanfiguren schonungslos offen legt und nichts übertreibt. Weder der kraftvolle Jargon von Manny noch dessen Vorliebe für die Beobachtung von Vögeln scheinen aufgesetzt oder sich zu widersprechen.
Wenn er das Verhalten des Federviehs studiert, ist das immer auch ein Teil seiner Selbstanalyse. „Man fragt sich, ob so ein Vogel seine Lebensgefährtin vermisst und all die Orte, die er kennt. Man fragt sich, ob er weiß, dass er nie wieder nach Hause zurückkehren kann“, stellt er mit Wehmut fest. Einer Wehmut, die jedoch nie Gefahr läuft, ins Sentimentale abzurutschen. Davor bewahrt uns der vom Leben als Kraftfahrer und Schweißer abgehärtete Autor, der Mannys Gedanken und Handlungen mal rasen lässt, dann wieder drosselt und sie am Ende spontan wechseln lässt.
Ob Vater und Sohn jedoch jemals mit „dem Rest der Welt in einem Boot“ sitzen werden, wie ihnen ein mürrischer, aber einfühlsamer Polizist bescheinigt, sollten so viele Krimiliebhaber wie möglich nachlesen.

Jörg von Bilavsky